05.08.2004

Camel-Team in Tokyo

"Tokyo - Translation found"

Camel-Team in Tokio
Die Schafe sind ganz weit weg. Neuseeland haben wir hinter uns gelassen und finden uns plötzlich auf der belebtesten Kreuzung der Welt wieder - mitten in Shibuya. Tokio fesselt uns wie kaum eine andere Stadt. Die Ampel zeigt eine Minute rot, allmählich sammeln sich die Menschentrauben auf beiden Straßenseiten. Viele telefonieren, lesen schnell Zeitung oder schauen auf die großen Videobanner hoch über der Kreuzung. Plötzlich steigt der Geräuschpegel und tausende Menschen passieren die Strasse. Innerhalb von Sekunden ist kein Fahrzeug mehr zu erkennen. Dann sind wieder die Autos an der Reihe und das Spiel beginnt von vorn. Christian schaut auf die bunten Werbeflächen, die ihm wie eine andere Welt erscheinen. Arne krämpelt sich die Hosenbeine hoch, denn selbst um 6 Uhr abends treibt uns die hohe Luftfeuchtigkeit noch Schweißperlen ins Gesicht. Christoph versucht derweil, die Speisekarte eines Restaurants zu übersetzen - ohne Erfolg.
 

Gegen Abend verlassen wir das Shibuya-Viertel, dass zu den angesagtesten Stadtteilen Tokios gehört. Wir kommen an Spielbuden vorbei, in denen Geschäftsmänner neben Kids auf Aliens schießen. Kaum verhallt der Lärm, riechen wir schon den süßen Duft von Sojasprossen - kleine Restaurants servieren Nudeln und Fisch. Tokio ist so anders. Und doch so schön.


Camel-Team in Tokio
Wir trauen uns in die U-Bahn. Wir wissen, dass wir nach Jimbocho wollen, und wir wissen, dass ein Ticket 190 Yen kostet. Mehr aber auch nicht. Die Automaten bedienen wir auf gut Glück, und sie spucken das Ticket sogar aus. Ein Blick auf den Fahrplan lässt uns dann aber resignieren. Die Linien sind in Farben eingeteilt, was schön aussieht, aber lesen kann dies kein Mensch.

 

Oder besser gesagt: jeder außer uns. Doch als Arne der blauen Bahnlinie schließlich Jimbocho zuordnet, kommen wir doch noch in unser Viertel. Wir haben Hunger. Sushi könnten wir essen. In Deutschland ist dies mit Studentenbudget eher unmöglich, es sei denn, die Mensa macht mal eine Asien-Woche. In Tokio aber, wo vieles teuer ist, sind zumindest die Sushi-Restaurants bezahlbar, doch auch hier müssen wir erstmal eines finden. So fragen wir den Mann im Anzug, der hektisch in ein Taxi springt, die Omi mit den riesigen Einkaufstüten, die vor Arnes blonden Haaren leicht erschreckt, die fünf weiteren Japaner, die nichts verstehen, aber herzlich lachen.

 

Noch lauter lacht allerdings eine Gruppe Studenten an der Straßenecke, in ihrer Mitte Shinji. Er läuft uns mit breiten Schritten entgegen und versucht zu helfen. Doch finden wir zunächst keine gemeinsame Strasse, so dass wir erstmal eine Zigarette zusammen rauchen. Die anderen gesellen sich zu uns. Durch Zeichensprache entsteht sogar so etwas wie ein Gespräch, und wir finden ein paar Vokabeln, die beide Seiten verstehen: "Backpacker" zum Beispiel, oder "students", "Oliver Kahn" und schließlich auch "Sushi".

 

Shinji fallen sogar ein paar englische Worte mehr ein, so dass er uns auf seine ganz spezielle Art erklärt, dass er in Tokio Wirtschaft studiert. Er sei auch schon für ein Jahr in Spanien gewesen und fragt uns plötzlich etwas in fließendem Spanisch. Wir schwenken aber lieber wieder auf Japanisch um. Morgen wird Shinji mit dem Rucksack nach Indonesien reisen. Mühevoll erklärt er uns, dass die Japaner das Rucksack-Reisen lieben und er mindestens ein Mal im Jahr den asiatischen Raum bereist. Da ist es wieder - jenes Gefühl, das Reisende miteinander verbindet.

 

Camel-Team beim Einkaufen in Tokio

 

Vor der Reise haben wir zur Einstimmung auf Tokio den Film "Lost in Translation" gesehen, den wir alle ganz toll fanden. Nur stimmt der Titel jetzt nicht mehr. Denn wir kommen uns ganz und gar nicht verloren vor, während wir uns lachend in Zeichensprache unterhalten. Shinji freut sich laut jubelnd über jeden Satz, den alle kapieren, und seine Freunde klatschen euphorisch. Vielleicht ist das die Sprache, die jeder auf der Welt versteht. Und als wir spät nachts vom Sushi-Restaurant auf die Strasse blicken, sind wir endgültig angekommen. In Tokio - der Stadt, die den Unterschied macht.

 

Letzte Änderung: 05.08.2004
Medien (diese Seite): ctcb
Autor: ctcb

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