Budapest bei Tag und Nacht
Zauber zur blauen Stunde
Die Sirenen der Stadt, die Tag und Nacht überall unbeachtet heulen, sind hier kaum zu hören, und auch der Lärm von der Fischerbastei dringt nicht herüber. Der Abend senkt sich herab, und die Donau-Metropole erstrahlt im Glanz der Lichter: allen voran die beleuchtete Kettenbrücke und das angestrahlte Parlament. Umgeben von Ruhe und Schönheit wird man selbst auch ganz still. Die Stadt zieht zur blauen Stunde alle in ihren Bann.
Das Parlament ist das grösste in Europa, dennoch wirkt der gewaltige Bau elegant und feingliedrig. Nach der Besichtigung lohnt ein Abstecher zum Westbahnhof, dessen schöner Jugendstil-Fassade selbst ein amerikanisches Schnellrestaurant nichts anhaben kann. Auch die Ungarische Staatsoper ist sehenswert und muss den Vergleich mit anderen berühmten europäischen Theaterbauten nicht scheuen. Wer keine Möglichkeit hat, eine Vorstellung zu besuchen, kann sich am Nachmittag auch fachkundig durch das Neorenaissance-Gebäude führen lassen.
Die Oper befindet sich in der Andrassy utca, der Prachtstrasse mit der Budapest seinerzeit Weltflair beweisen wollte. Dort mag man sich vielleicht in einer Cukrádszda mit Kuchen und Torte stärken. Ganz im Gegensatz zu diesen Zuckerbäckereien gibt es in Kaffeehäusern nämlich traditionell nur kleine Salzmahlzeiten und zum Kaffee das obligatorische Glas Wasser. Geht man die Strasse weiter hinauf, kreuzt man die Nagymezö utca, vor einem halben Jahrhundert noch die sündige Meile Budapests. Von dort ist es nicht weit zum Franz-Liszt-Platz, an dem die Musikakademie liegt, deren Innenausstattung im reinsten Jugendstil gut erhalten ist. In der Király utca kann man auch die Innenhöfe mit ihren typischen Galerien bewundern, ein Blick in die Hinterhöfe offenbart auch die Liebe der Budapester zu Blumen. So findet sich kaum ein Plattenbau, in dem nicht mindestens ein Balkon liebevoll bepflanzt ist.
Ausser im Wohnungsbau hat der Sozialismus noch Spuren im Strassenverkehr hinterlassen. Hier sieht man noch die Trabants, Polski Fiats und Ladas, die von deutschen Strassen schon längst verschwunden sind. Die Ikarus-Busse stammen aus Ungarn, die Strassenbahnen aus der einstigen CSSR und die U-Bahnzüge aus Moskau. Die Budapester Metro war immerhin die erste Untergrundbahn auf dem europäischen Festland, alle drei Linien treffen sich nur am Deák Tér. Von diesem Platz sind es nur ein paar Schritte bis zur Váci utca, der Haupteinkaufsstrasse von Peste. Will man sich nicht an deren Ende in der Konditorei Gerbeaud vom Einkaufsbummel erholen, bietet sich das ebenso berühmte Thermalbad im Gellért-Hotel in Buda an. Budapest ist schliesslich die einzige Hauptstadt, die zugleich auch Kurstadt ist.
Für Stadtmüde ist das nahe gelegene Donauknie und seine Orte ein idyllisches Ausflugsziel. Von der Árpád-Brücke und dem Moskauer Platz fahren Busse nach Szentendre, Visegrád und Esztergom. Einst war Esztergom die wichtigste Stadt Ungarns, Stephan I. wurde im Jahre 1000 dort in der grössten Kirche Ungarns zum König gekrönt. Die alte Innenstadt bezaubert mit Häusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, und an den Ufern des Donauarms Kis Duna dümpeln alte Kähne.
Der Wasserweg bietet sich auch für den Rückweg an. Mit dem Schiff trifft man am frühen Abend wieder in Budapest ein. Die blaue Stunde naht. Die Stadt zeigt sich wieder von ihrer schönsten Seite.
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