11.07.2002

Altes, neues Belfast

Zwischen Alltag und Erinnerung

Totengedenkstätte Belfast

 

"Unruhen in Belfast - mehrere Verletzte", diese und ähnliche Schlagzeilen spuken wohl jedem Touristen durch den Kopf, der zum ersten Mal Belfast besucht. Bestimmen Anschläge und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken wirklich tagtäglich das Leben der Bewohner der nordirischen Metropole? Es ist Samstag, kurz nach neun. Es ist ruhig an der Falls Road, die meisten Rolläden sind noch geschlossen, ein einsamer Früh-Einkäufer überquert die Strasse, ab und zu braust ein Taxi vorbei.

 

Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hier schon viele gewalttätige Auseinandersetzungen getobt haben. Man muss schon genauer hinschauen: In einem recht unscheinbaren Gebäude befindet sich das Hauptquartier der Sinn Fein, nur wenige Schritte entfernt liegt der "Garden of Rememberance", über dem die Flagge der Republik Irlands weht. Auf dem Gedenkstein ist von der "British war maschine" die Rede. Nicht weit entfernt ist auch die Shankill Road, aber die beiden Strassen trennt nicht nur ein hoher Stacheldraht-Zaun, sondern eine ganze Welt. Heute sind die Tore zwar weit geöffnet, außer uns passiert aber niemand die innerstädische "Grenze".

 

Belfast

Peter, der gerade in Stevenson’s Bäckerei einkauft, findet klare Worte: "Ich war noch nie da drüben, da fahre ich doch lieber einen kilometerlangen Umweg." Über Violets Fruit Shop, Mc Dowell’s Apotheke oder der Rex Bar hängt der Union Jack. Die Menschen hier sind stolz auf das britische Erbe. Im Süden der Stadt liegt die Queen’s University, umgeben von akkurat geschnittenen Hecken und kurz gemähten Rasenflächen. Die 23-jährige Studentin Pat sagt etwas, was für die Zukunft Belfasts hoffen lässt: "Mir ist es egal, was für eine Religion jemand hat - wir wollen einfach nur ein normales Leben führen."

 

Stolz sind die Belfaster auf ihre modernen Bauwerke. Dazu gehören die Waterfront-Konzerthalle und das Einkaufszentrum "The Odyssey" mit dem großen Multiplex-Kino. In dem futuristischen Bauwerk treten regelmäßig bekannte Bands auf und sogar der amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton hat dort schon einmal vorbeigeschaut. Am Wochenende spielen viele der 500 000 Belfaster Golf, allein in unmittelbarer Stadtnähe gibt es fünf Plätze. Oder sie machen einen Ausflug zum 1870 gebauten Schloss mit seinen stilvoll angelegten Gärten und umgeben vom reizvollen Park Cave Hill. Beliebt ist auch der Victoria Park, wo Vögel beobachtet und Boote ausgeliehen werden können. Also doch eine ganz normale Stadt? In diesem Moment fährt ein grauer Panzerwagen der Polizei vorbei - einer von vielen. Und auch die unzähligen Überwachungskameras an Wohnhäusern, Kirchen, Geschäften und öffentlichen Gebäuden passen nicht ins Bild der Normalität. Aber der eingeschlagene Weg lässt hoffen.

 

Letzte Änderung: 11.07.2002
Medien (diese Seite): niel
Autor: niel

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