Sagenhafte Sylter Welt
Von Zwergen und Riesen
Mal zart und verspielt, dann wieder mächtig und grollend: Die Nordsee gibt sich im Spätsommer aufgewühlt, überschäumend und kraftstrotzend - und ändert je nach Laune ihre Farbe. Die Skala reicht von dunklem Grün über Türkis bis zu silbrigem Glanz. Vielleicht ist es dieses unbändig-wilde Szenario, das die Sylter zu manch unheimlicher Geschichte inspirierte. Die Sylter gelten seit Alters her als abergläubisches Völkchen. Zwerge, Riesen, Verwünschungen: Im Laufe der Jahrhunderte hat sich auf der Insel ein reicher Sagenschatz angesammelt. Auf dem 99 Quadratkilometer grossen Eiland gibt es kaum einen Flecken, um den sich nicht irgendein Mythos rankt. Am östlichen Zipfel der Insel ragt das Morsumer Kliff majestätisch in den Himmel. Auffallend sind die eigentümlich geformten Röhren aus rotem Sandstein. Zwar hat der Wind im Laufe von Jahrhunderten den Fels so ausgehöhlt, doch die Alten wussten es besser: Die Röhren sind das Werk der Unterirdischen, die in den verschlungenen Gängen des Kliffs hausten.
In Wennigsstedt befindet sich nahe des Dorfteiches ein Hügel - die bedeutendste Sylter Grabstätte. Diese kühle Gruft ist der Denghoog, der auch besichtigt werden kann. Früher sollen sich an diesem Ort Zwerge versammelt haben - und auf einem steinernen Thron residierte der legendäre Zwergenkönig Finn. Er soll hier auch begraben liegen. Überhaupt waren die Zwerge früher auf Sylt weit verbreitet. Als die Menschen auf die Insel kamen, zogen sich die Wichtel in die Braderuper Heide zurück. Dort kam es schliesslich zur grossen Schlacht zwischen Wichteln und Menschen. Zwergenkönig Finn liess dabei sein Leben.
An das dunkle Kapitel der Strandräuberei erinnert noch heute der Name Dikjendäl, mit dem ein Gebiet im Süden Westerlands bezeichnet wird. Anno 1713 soll hier ein Schiff gestrandet sein. Und die wenigen Überlebenden wurden sogleich von Strandräubern erschlagen. Man munkelt, dass dort in stürmischen Nächten noch heute der Kapitän des Schiffes herumgeistert - der Dikjendälmann.
Die Keitumer Kirche St. Severin grüsst schon von weitem. Beim Bau des Kirchturms soll eine böse Prophezeiung ausgesprochen worden sein: Eines Tages, so der Spruch, werde die Glocke aus den Angeln brechen und den schönsten Jüngling der Insel erschlagen. Später werde dann der ganze Turm zusammen fallen und die schönste Sylter Jungfrau unter sich begraben. Tatsächlich stürzte die schwere Glocke am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1739 hinab und erschlug einen jungen Seemann. Seitdem, so heisst es, machen alle hübschen Sylter Mädchen einen grossen Bogen um die Kirche.
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