04.07.2005

Göta-Kanal

Schwedens blaues Band

Die Wilhelm Tham auf dem Göta-Kanal
Leicht schaukelt die "Wilhelm Tham" am Kai der Altstadt, startklar zu einer Nostalgiereise quer durch Schweden. Noch ein Blick auf Schloss Drottingsholm, dann nimmt das Schiff Kurs auf Södertälje mit der ersten großen Schleuse. Es geht Richtung Ostsee, durch die Welt der Schären. Überall schauen die typischen Holzhäuser zwischen den Bäumen hervor. Manche ganz klein, einige herrschaftlich mit Pavillon am Bootssteg. Auf den glattgescheuerten Felsen wird ein Picknick veranstaltet, vom Bootssteg aus ins Wasser gesprungen. Schweden genießt den Sommer.
 

In Söderköping biegt die "Wilhelm Tham" in den Göta-Kanal ein. War Söderköping früher ein reger Handelsplatz, ist es heute ein idyllisches Kleinstädtchen. An den gepflasterten Straßen reihen sich die bunten Holzhäuser. In den kleinen Geschäften wir Kunsthandwerk verkauft: Puppen aus Porzellan, Holzspielzeug. Am Kanal treffen sich die Ausflügler. Eis schleckend beobachten sie das Schleusen der Boote. Die Kinder freuen sich, wenn sie für eine kurze Strecke mitgenommen werden.

 

Stockholm, Sweden
Der nächste Stopp ist Norrköping, die alte Rivalin Söderköpings, die es auch schaffte sie zu überflügeln. Reich wurde Norrköping durch die Textilindustrie, wurden hier die Uniformen für ganz Schweden geschneidert. Viel ist davon nicht mehr übriggeblieben. Nur das Stadtmuseum gewährt noch einen Einblick in die vergangene Zeit. Noch weiter zurück in die Geschichte reichen die Zeichnungen von Himmelstalund. Über 3000 Jahre alt sind die hier gefundenen Felszeichnungen.

 

Alle Mann an Deck in Berg. Niemand will die größte Schleusentreppe versäumen. Auch am Ufer drängen sich die Menschen. Sie wollen das Schauspiel beobachten, wenn die Schiffe und Boote 18 m hinauf- oder hinuntergeschleust werden. Mit dem Öffnen der letzten Schleusenkammer gleitet das Schiff in den Roxensee. Am Ufer erkennt man Linköpping mit Cafés, Kneipen und Einkaufsmöglichkeiten. Technikbegeisterte mach einen Ausflug nach Mahnstädt. Im Luftwaffenmuseum stehen etliche Flugzeuge, und wer möchte, kann in einem Kampfflugzeug einige Runden drehen - im Simulator.

 

Gemütlicher wird es bei der Weiterfahrt nach Borenberg. Hier wird die Schleuse noch per Hand bedient. Für Kinder ist es eine Gaudi den "dicken Max" zu spielen, und die Schleusentore an großen Rädern zu öffnen und zu schließen. Es wird gestöhnt und geschwitzt, aber in Wirklichkeit ist alles kinderleicht und läuft gut geschmiert.

 

Ohne Zweifel ist Motala die Hauptstadt des Göta-Kanals. Bei einem geführten Stadtrundgang durch Motala begleitet jeden Geschichte des Kanals auf Schritt und Tritt. Direkt am Hafen hat die Kanalgesellschaft ihren Sitz. Stolz ist man hier auf eine Auszeichnung, weil die Kanaltore und Brücken wieder wie anno dazumal restauriert werden. Statt Stahl und Beton, gibt es wieder Schmiedeeisen und Holzbeplankung. In der Stadt kann auch das Grab Baltzar von Platen besucht werden.

 

So quirlig das Leben an den Schleusen und in den kleinen Orten, so ruhig geht es während der übrigen Fahrt zu. Langsam rollt die nächste Brücke zur Seite. Für Autofahrer heißt es warten, bis das Schiff durchgefahren ist. Aber niemand scheint es eilig zu haben, weder das Schiff noch die Autofahrer. Geruhsam gleitet die "Wilhelm Tham" mit 8 Stundenkilometern ihrem nächsten Ziel entgegen. Wer will kann sogar aussteigen und neben dem Schiff spazieren gehen. An der nächsten oder übernächsten Schleuse steigt man einfach wieder zu. Manchmal sieht es so aus, als führe die "Tham" geradewegs durch eine Wiese oder ein Schilfdickicht. Das Schiff füllt den Kanal in seiner ganzen Breite fast völlig aus. Aber keine Angst, es ist immer genügend Platz. Die Schiffe sind genau auf die Kanalmaße abgestimmt.

 

Kühe und Schafe grasen links und rechts am Ufer. Auch sie ganz schwedisch. Sie lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ein kurzer Blick in Richtung Schiff, dann wird weitergegrast. Imposant die Karlsborg-Festung. Sie zählt zu den größten Bauwerken Europas und sollte in Kriegszeiten als Ersatzhauptstadt dienen. Unterirdische Gänge führen in die Festung. Es ist dunkel, Ratten quietschen, ein plötzlicher Kanonenschlag lässt alle zusammenfahren. Rauch quillt durch die Gänge, Soldaten suchen Deckung. Aber alles ist Teil einer Show. Rattengequietsche und Kanonendonner kommen vom Band, die Soldaten sind nur bewegliche Puppen.

 

Wieder tiefe Blicke in die Geschichte. In Böckersboda sind alte Gräber aus der Bronze- und Eisenzeit zu besichtigen. Es sind Schiffssetzungen, Gräber mit einer Steineinfassung in Form eines Schiffes. Nicht ganz so alt ist der Hafenspeicher in Lyrestad. Hier wird das Leben und der Handel im 18. Jahrhundert nachgelebt. Und bestimmt ganz frisch ist das Essen und der Kaffee im Gasthaus. Fast schon ein kleines Meer ist der Vänersee. Weit ziehen sich die Treidelpfade ins Wasser. Noch heute sieht man die Rest der alten Pfade, die sich schnurgerade im See fortsetzen. Die Segelschiffe wurden in den See gezogen, bis sie genügend Wind bekamen, um die Fahrt aus eigener Kraft weiterzufahren.

 

Ganz ins 17. Jahrhundert taucht man in Marienstad ein. Buntgestrichene Häuser, kleine Geschäfte und gemütliche Cafés reihen sich in den engen Gassen. In Hinterhöfen, mit Blumen bepflanzt, gibt es kleine Restaurants. Es ist nicht die große Küche, aber fangfrischer Fisch aus dem See ist auch nicht zu verachten. Die Fischer bringen ihren Fang zur Räucherei und goldgelb liegt er in den Verkaufsständen.

 

Zum letzten Mal Landluft, zum letzten Mal ein Stück Kanal. Dann kommt Göteborg in Sicht und damit das Ende des blauen Bandes.

 

Letzte Änderung: 04.07.2005
Medien (diese Seite): doje
Autor: doje

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