24.10.2005

Der Starnberger See

Münchens zweite Seele

Blick Starnbergersee - Zugspitze
Auf den ersten Blick sieht das Ufer ruhig, fast verlassen aus. Wenig deutet auf den ständigen Kampf um die besten Seegrundstücke hin, um Liegeplätze fürs Boot, um Parkplätze am Wochenende, und um einen schönen Platz fürs Handtuch. Verborgen von wucherndem Grün liegen sie da - alte Sommerfrisch-Häuser, protzige Nobelvillen, Bungalows, Parks, Schlösser, Hotels. Von Starnberg im Norden bis Seeshaupt im Süden misst das Gewässer, das bis 1962 auch Würmsee hieß, ganze 21 km, seine grösste Breite erreicht er zwischen Ammerland und Unterzeismering, im sog. Karpfenwinkel, mit 4,5 km, seine Fläche misst 57 Quadratkilometer, grösste Tiefe: mehr als 120 Meter. Deshalb zählt der Starnberger See auch nicht gerade zu den wärmsten Gewässern des 5-Seen Landes, auch im Sommer erwärmt sich das Wasser nur selten über 22 Grad.

 

Aber das Entscheidende ist die Uferlinie: 54 km lang, die Hälfte davon im Privatbesitz, nur drei grössere Erholungsgelände mit kostenpflichtigem Parkplatz - in Kempfenhausen, Possenhofen und Ammerland - bieten der Öffentlichkeit mit Badelatschen und Luftmatratze angemessenen Seezugang. Ostufer und Westufer bilden einen reizvollen Kontrast. Das eine steil, eng und dicht bewachsen, Nobelvilla an Nobelvilla; das andere flacher, sonniger, bäuerlicher. Während die Uferstrasse im Osten sehr eng und nur für Anrainer befahrbar ist, rollt im Westen täglich die Verkehrslawine, von Starnberg ausgehend, dahin.

 

Das Schöne am Starnberger See ist auch sein Hauptproblem: Ein Badesee mit Autobahnanschluss in einer halben Fahrstunde von München entfernt - kann das gutgehen? Es kann. Allen Befragungen und statistischen Erhebungen zufolge, sind hier Lebenszufriedenheit und Einkommen der Menschen deutschlandweit am höchsten, die Kriminalitätsrate und die Arbeitslosenquote am niedrigsten. Und schliesslich ist da noch der See mit seinen 55 Föhntagen und 1800 Sonnenstunden im Jahr...

 

Sehenswertes um den Starnberger See

 

Schon früh lockte der Starnberger See mit seiner Schönheit erst die Wittelsbacher zu ihren Jagdpartien, dann Grossbürger und Schöngeister aus der Stadt an seine Ufer. Seit 1854 ist Starnberg per Eisenbahn mit München verbunden. Während die Wittelsbacher-Prinzessin Elisabeth, die spätere "Sisi" des Hauses Habsburg, Spaziergänge im Park von Feldafing mit seiner Roseninsel so liebte, starb ihr Cousin, der verwirrte und unglückliche Ludwig II. 1886 zusammen mit seinem Leibarzt im Wasser bei Berg, am nördlichen Ostufer. Eine Votivkapelle und ein grosses Holzkreuz im Wasser erinnern an das tragische Ende des entmachteten Märchenkönigs. Heute treiben andere im Wasser, vornehmlich ältere Yachteigner, die, Echsen ähnlich, in der nachmittäglichen Flaute dümpeln und einander mit einem unmerklichen Kopfnicken zur Kenntnis nehmen und das andere Boot mit Kennerblick taxieren. Prachtvolle antiquarische Holzboote kreuzen den Kurs betagter Plastikbomber, die meisten eigentlich viel zu gross für ein Binnengewässer. Trotz der scheinbaren Ruhe kann der See bei einer aufziehenden Gewitterfront recht tückisch sein. Orangerote Blinklichter warnen die Wassersportler beim Nahen starker Böen. Manche glauben’s auch dann noch nicht und müssen von der Wasserwacht gerettet werden.

 

Die bayerische Seenschifffahrt verbindet alle grösseren Ortschaften rund um den See. Da Passagierschiffe immer Vorfahrt haben, müssen Surfer, Segler, Kanuten und Schwimmer Augen und Ohren offenhalten, um nicht überfahren zu werden. Auf den beiden grössten Schiffen der Seenflotte, der "Seeshaupt" und der "Bayern", ist es auch erlaubt, Fahrräder mitzubringen. So lässt sich der Starnberger See ganz bequem öffentlich erkunden - mit der S-Bahn nach Starnberg oder Tutzing, dann weiter. Über das Würmtal und Leutstetten ist Starnberg durch eine mittellange Radltour mit München-Pasing oder -Maxhof und -Forstenried verbunden. Der Landstrich, in dem der Starnberger See liegt, heißt nicht umsonst "Fünf-Seen-Land", weil hier einige der schönsten Badeseen Oberbayerns liegen: Ammersee, Wörthsee, Pilsensee, Ostersee - und natürlich unser Starnberger See. Sehenswert ist auch die unmittelbare Umgebung, die kleinen Ortschaften am Ostufer wie Münsing und Holzhausen, der kleine aber feine Buchsee bei Weipertshausen, der klobige Bismarckturm bei Assenhausen von 1899.

 

Am Westufer, zwischen dem aussergewöhnlich schönen Bernried und dem Gelände des Sanatoriums Höhenried gelegen, hat vor ein paar Jahren das Buchheim-Museum der Fantasie mit der Privatsammlung des Schriftstellers und Regisseurs seine Pforten geöffnet. Neben der sehr gelungenen Architektur des Hauses inmitten eines alten Parks macht besonders die Sammlung afrikanischer Masken einen Besuch zum Erlebnis. In Bernried gibt es nicht nur einen komfortablen öffentlichen Zugang zum Wasser, sondern einen sehr bekannten Park, den die US-amerikanische Brauerei-Erbin Wilhelmina Busch-Woods der Gemeinde Bernried zugunsten der Öffentlichkeit vermachte. Nicht nur ist der gesamte Ort sehr hübsch, das zum Teil säkularisierte Augustinerchorherrenstift mit altem Baumbestand ist absolut sehenswert.

 

Seegrundstücke sind am Starnberger See immer auch Geldanlagen. Zahlreiche Stiftungen aus Kirche, Politik oder der Gewerkschaft haben sich am See angesiedelt und betreiben dort Bildungsarbeit. Besonders bekannt und angesehen ist die Evangelische Akademie in Tutzing, die sich durch Kongresse und Symposien in Politischer Bildung verdient macht. Etwas abseits von Tutzing thront auf 728 m die Ilkahöhe, ein beliebtes Ausflugslokal. Von hier aus bietet sich an schönen Tagen ein sagenhafter Fernblick über das Oberland und die schneebedeckten Alpen. Und ein paar Kilometer weiter westlich liegt Kloster Andechs - Bayerns "heiliger Berg" - wo nebenbei sehr süffiges Bier gebraut wird.

 

Letzte Änderung: 24.10.2005
Medien (diese Seite): tddp
Autor: tddp

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