Marokko - Kulturschock in Tanger
Nah, und doch so fern
Nach islamischer Zeitrechnung befinden wir uns im Jahr des Herrn 1424, und es scheint, als hätte man tatsächlich eine Zeitreise hinter sich: In das Land der Schlangenbeschwörer und Geschichtenerzähler; das Land der großen Karawanen und geheimnisvollen Prediger. Wer zum ersten Mal hierher kommt, der sieht Dinge, die er nie zuvor gesehen hat, dem springt der große Unterschied förmlich ins Gesicht:
Islam bedeutet "Frieden durch Ergebung in den Willen Gottes", und das Wort Muslim meint den, "der sich aus freien Stücken Gottes Willen unterwirft". Religion als ewiger, allgegenwärtiger Überbau; weit höher anzusiedeln als Staat und Kapital. Dort "unten" gibt es nur einen wahren Superstar, und der nennt sich Allah, der eine Gott. Von Deutschland aus gibt es keinen kürzeren Weg zum Kulturschock als nach Tanger, und wer über den Norden ins Land kommt, der sollte zumindest auf das Sozialphänomen der allgegenwärtig unangenehmen Begleiter, der sogenannten Hustler, ein wenig vorbereitet sein.
Plötzlich ist alles anders, alles neu! Und Tanger ist nicht mehr nur schlichtweg "anders". Diese Stadt ist vollkommen absurd, im immer währenden Verfall von Sitten, Bausubstanz und Flair begriffen - surreal - aber eben deswegen in seiner (literatur-)historischen Bedeutung kaum zu überschätzen: Vieles, was die früher hier im Dutzend ansässigen weltbekannten Schriftsteller über die damalige Interzone geschrieben haben, gilt bis heute.
Aber Tanger ist lediglich die Ausnahme zur Regel. Für gewöhnlich sind die Marokkaner ein sehr ausgeglichenes, höfliches, in ihrem Glauben ruhendes Volk. Sie gehen auf die Menschen zu, spielen auf den Straßen ihre Musik, reden, fragen, versuchen ihre Geschäftchen zu machen. - Rabat, Fez, Meknes und Marrakesch nennen sich die exotischen Königsstädte, und man findet schnell Gefallen am immer-währenden Tohuwabohu der beeindruckenden Medinas (Altstädte). Unsicherheit wandelt sich in Neugier: Die orientalischen Gerüche aus den Garküchen, die wunderbaren Waren, Araber, Juden, Berber in kuttenartigen Gewändern, ein Uhrenverkäufer, der, um auf sich aufmerksam zu machen, jeden Tag durchgehend alle seine Wecker klingeln lässt, Hitze, flirrendes Licht, eine Einladung zum thé à la menthe, duftendes Brot, enge, staubige Gassen, Familien am Rande menschlicher Existenz neben prunkvollen Palästen. Helle Freude an bebendem, wachem Leben, - allgegenwärtige Sehnsucht nach einem besseren Leben. Ein verzaubertes, wildes Land; letzter Außenposten der Zivilisation. Wer vom Atlasgebirge einmal bei freier Sicht auf die Sahara blicken konnte, der wird nie wieder behaupten, die Welt sei klein. - Dahinter: nur noch Afrika.
Marokko ist kein Land der Gegensätze, denn bei genauerer Betrachtung ist es in sich durchaus schlüs-sig. Was uns so fremd erscheint, das ist vielmehr der krasse Gegensatz zur eigenen Welt. Für Europä-er ist es kein Land, um sich dort niederzulassen, aber es ist ein Land, das einlädt, und das man je-denfalls gesehen haben sollte: Mit etwas Zeit problemlos per Auto oder innerhalb weniger Stunden mit einem günstigen Flug zu erreichen. Auch für Alleinreisende gut geeignet, da man ständig auf Gleich-gesinnte trifft. Fast überall wird Französisch gesprochen, zumeist auch gutes Englisch, Unterkünfte und öffentliches Verkehrssystem sind gut und ausgesprochen günstig. - Was einen erwartet, ist ein Traum: 3000 Jahre greifbare Kultur- und Religionsgeschichte, sensationelle Sonnenuntergänge, weite Strände, rauhe Landschaften. - Wer dieses Land einmal erlebt hat, den lässt es nicht mehr los.
Buchtipps:
- Peter Oefele; "Fiesta, Ramadan und tote Helden" - u.a. mehr zum Thema "Hustler"
- Paul Bowles; "Himmel über der Wüste"
- Tahar Ben Jelloun; "Tag der Stille in Tanger"
- William S. Burroughs; "Interzone"
Der Autor:
www.peter-oefele.de