14.11.2003

Ich bin verliebt - in Marrakesch

Erwischt

Impressionen von Marrakesch

 

Ohne dass mich der Fahrer vorgewarnt hätte, verlasse ich das Taxi am Djema’a al-Fna, dem legendären "Platz der Enthaupteten". - Welch ein Spektakel: Boxer, Wasserverkäufer, Possenreisser, Affen, Gaukler, Tänzer, Wahrsager, blinde Taschendiebe, ihre Anwälte, die prächtigsten Kamele der Welt, Akrobaten, ein trauriger Tanzbär, Liliputaner, Bettler, Feuerschlucker, unzählige Musik-Combos, Schauspielergruppen ... und noch vieles mehr, von dem ich mir in einer ruhigen Minute erst überlegen muss, ob es wirklich einen Namen hat.

 

Ich bin noch keine 20 Minuten in der Stadt, von der ich aus dem Reiseführer kaum mehr weiss, als dass ihre Geschichte an dem Tag begann, als der legendäre Wüstenfürst Youssef Ben Tachfine mit seinen durstigen Männern über das Atlasgebirge kam und hier eine Wasserquelle fand. Er begründete jene Siedlung, deren Name sich aus amara (die Rote) und marksch (die Stadt) zusammensetzt: Marrakesch! - Die so genannte "Perle des Südens", von der Winston Churchill gut 900 Jahre später behaupten sollte, es wäre "die schönste Stadt der Welt."

 

In den Strassen von Marrakesch
Mein Versuch, mich in diesem Chaos zu orientieren, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt und gipfelt darin, dass ich hinter einem der unzähligen Orangensaft-Tresen ein hübsches europäisches Gesicht erblicke. Delphine winkt mich herüber, und beginnt zu erzählen: Sie kommt eigentlich aus Paris und verdient sich hier, auf dem Djema’a al-Fna ein paar Dirham dazu. Immer weiter in Richtung Süden wollte sie gehen, aber hier, am Fusse des schneebedeckten Hohen Atlasgebirges, sei sie genau an dem Punkt angelangt, an dem es so einfach nicht mehr weiter geht. - "Aber das macht nicht viel", kommt sie ins Schwärmen und deutet dabei mit dem Finger in Richtung Süden, "Marrakesch ist die erste Oase am Eingang zur Sahara. Ich bin hier bis auf weiteres an meinem Horizont angekommen, und wer kann das schon von sich behaupten?!"

 

Ihre Worte machen mich melancholisch, - aber sie sagt: "Hier darf man melancholisch sein; hier muss man sich entscheiden, wie es weiter geht! Ich selbst zögere das schon viel zu lange hinaus. Mir gefällt es hier zu gut, aber leider kann man auch nicht ewig bleiben. - Was ich tun werde? Eigentlich gibt es keine Wahl: Nach Marrakesch und zurück! Das ist für Mitteleuropäer wie uns der Klassiker unter den Reiserouten."

 

Wir spielen das alte Spiel, und ich schätze sie dabei um gut 10 Jahre zu jung. Delphine sagt, das sei normal, passiere ihr ständig und läge an den vielen Reisen. - "Das Nachtleben? Das Nachtleben findet hier auf den Dachterrassen der Hotels statt." - Sie grinst: "Wenn man auf der höchsten sitzt, kann man den anderen bei ihrem nächtlichen Treiben zuschauen. Möchtest du wissen, welches Hotel eine der höchsten Dachterrassen der ganzen Medina hat ?" ...

 

Marrakesch - Djema’a al-Fna
Es ist 4 Uhr morgens. Delphine, ich und einige andere Reisende aller Altersklassen und Nationalitäten sitzen auf der wie ein Wohnzimmer eingerichteten Dachterrasse des Hôtel Essaouira. Von hier hat man einen prächtigen Blick auf das beleuchtete Minarett der Koutoubia-Moschee. Eben haben die 114 Muezzine Marrakeschs die nächtlichen Gebetszeiten ausgerufen, und ich erfahre, dass es der Anstand gegenüber den Gastgebern gebietet, in dieser Zeit für einige Minuten in den Gesprächen innezuhalten ...

 

Was war das für ein Tag! - Ganz hinten, viel zu tief in den Souks (Märkte), forderte ein Schreiber, ich solle ihm eine Geschichte diktieren und bei dieser Flut von Bildern hätte ich eigentlich tatsächlich ein dringendes Bedürfnis gehabt, dies zu tun. Ein kleiner, mit zwei Autoreifen beladener Esel rempelte meinen Schreiber aber zur Seite, und schon befand ich mich in den Fängen eines Teppichhändlers, der zu Couscous lud, mich aber bald wieder vergass, weil ein anderer, der in Gewürzen macht, laut und voller Freude allen aufgeregt davon erzählte, er hätte gerade das Geschäft seines Lebens ...

 

Auch mich hat es erwischt: Ich bin verliebt. In Marrakesch.

 

Literatur-Tipp:
Elias Canetti: "Die Stimmen von Marrakesch"
Peter Oefele: "Fiesta, Ramadan und tote Helden"

 

Web-Tipp: Deutschsprachiges Marrakesch-Portal:  www.marrakech-info.com

Peter Oefele, geboren am 13. 05. 1974, verbrachte seine Jugend in Diessen am Ammersee, vollendete an der Universität Augsburg sein Studium der Rechtswissenschaften und lebt seit 2002 in Berlin-Friedrichshain. Mitarbeiter im Verlag Jens Neuling, selbstständiger Webdesigner, Autor. Im Mai 2003 ist sein Erstlingswerk "Fiesta, Ramadan und tote Helden - Unterwegs in Frankreich, Spanien, Marokko und Portugal" erschienen. -  www.peter-oefele.de
 

Letzte Änderung: 14.11.2003
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Autor: peof

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