Ich bin verliebt - in Marrakesch
Erwischt
Ohne dass mich der Fahrer vorgewarnt hätte, verlasse ich das Taxi am Djema’a al-Fna, dem legendären "Platz der Enthaupteten". - Welch ein Spektakel: Boxer, Wasserverkäufer, Possenreisser, Affen, Gaukler, Tänzer, Wahrsager, blinde Taschendiebe, ihre Anwälte, die prächtigsten Kamele der Welt, Akrobaten, ein trauriger Tanzbär, Liliputaner, Bettler, Feuerschlucker, unzählige Musik-Combos, Schauspielergruppen ... und noch vieles mehr, von dem ich mir in einer ruhigen Minute erst überlegen muss, ob es wirklich einen Namen hat.
Ich bin noch keine 20 Minuten in der Stadt, von der ich aus dem Reiseführer kaum mehr weiss, als dass ihre Geschichte an dem Tag begann, als der legendäre Wüstenfürst Youssef Ben Tachfine mit seinen durstigen Männern über das Atlasgebirge kam und hier eine Wasserquelle fand. Er begründete jene Siedlung, deren Name sich aus amara (die Rote) und marksch (die Stadt) zusammensetzt: Marrakesch! - Die so genannte "Perle des Südens", von der Winston Churchill gut 900 Jahre später behaupten sollte, es wäre "die schönste Stadt der Welt."
Ihre Worte machen mich melancholisch, - aber sie sagt: "Hier darf man melancholisch sein; hier muss man sich entscheiden, wie es weiter geht! Ich selbst zögere das schon viel zu lange hinaus. Mir gefällt es hier zu gut, aber leider kann man auch nicht ewig bleiben. - Was ich tun werde? Eigentlich gibt es keine Wahl: Nach Marrakesch und zurück! Das ist für Mitteleuropäer wie uns der Klassiker unter den Reiserouten."
Wir spielen das alte Spiel, und ich schätze sie dabei um gut 10 Jahre zu jung. Delphine sagt, das sei normal, passiere ihr ständig und läge an den vielen Reisen. - "Das Nachtleben? Das Nachtleben findet hier auf den Dachterrassen der Hotels statt." - Sie grinst: "Wenn man auf der höchsten sitzt, kann man den anderen bei ihrem nächtlichen Treiben zuschauen. Möchtest du wissen, welches Hotel eine der höchsten Dachterrassen der ganzen Medina hat ?" ...
Was war das für ein Tag! - Ganz hinten, viel zu tief in den Souks (Märkte), forderte ein Schreiber, ich solle ihm eine Geschichte diktieren und bei dieser Flut von Bildern hätte ich eigentlich tatsächlich ein dringendes Bedürfnis gehabt, dies zu tun. Ein kleiner, mit zwei Autoreifen beladener Esel rempelte meinen Schreiber aber zur Seite, und schon befand ich mich in den Fängen eines Teppichhändlers, der zu Couscous lud, mich aber bald wieder vergass, weil ein anderer, der in Gewürzen macht, laut und voller Freude allen aufgeregt davon erzählte, er hätte gerade das Geschäft seines Lebens ...
Auch mich hat es erwischt: Ich bin verliebt. In Marrakesch.
Literatur-Tipp:
Elias Canetti: "Die Stimmen von Marrakesch"
Peter Oefele: "Fiesta, Ramadan und tote Helden"
www.marrakech-info.comPeter Oefele, geboren am 13. 05. 1974, verbrachte seine Jugend in Diessen am Ammersee, vollendete an der Universität Augsburg sein Studium der Rechtswissenschaften und lebt seit 2002 in Berlin-Friedrichshain. Mitarbeiter im Verlag Jens Neuling, selbstständiger Webdesigner, Autor. Im Mai 2003 ist sein Erstlingswerk "Fiesta, Ramadan und tote Helden - Unterwegs in Frankreich, Spanien, Marokko und Portugal" erschienen. -
www.peter-oefele.de