Die Kurische Nehrung
Der Sandkasten Litauens
Kurenkähne und Kurenwimpel
Nida (Nidden), das ehemalige Künstlerdorf, ist nach wie vor das beliebteste Ziel auf der Nehrung. Die Straßen säumen bunt bemalte Häuser, in den Vorgärten wuchern die Blumen. Aber nicht nur Blumen, auch alte, ausgediente Kurenkähne sind in den Gärten zu finden. Die neuen Kähne sind flotte Segler, sind noch immer auf dem Haff zu sehen. Abends schippern sie mit Gästen übers Wasser, Sonnenuntergang und Seefahrerromantik inbegriffen.
Am Mast ist der Kurenwimpel befestigt, eine Art Holzfähnchen. Früher war der Kurenwimpel ein wichtiges Erkennungszeichen. Er gab Auskunft über den Heimathafen und damit über die Fischereiberechtigung in einem bestimmten Teil des Haffs. Heute haben die ausgesägten und bemalten Wimpel ihre ursprüngliche Bedeutung verloren, werden aber gern als Souvenir mit nach Hause genommen.
Wer weniger seefest ist, verbringt den Tag auf der Promenade. Es ist die Rennstrecke für alle, die sehen und gesehen werden wollen. Cafés und Kneipen, Imbissbuden und Restaurants reihen sich aneinander. Verführerisch steigt ein Duft in die Nase. Es ist der Duft von frisch geräucherten Aalen. Goldgelb hängen sie in den Verkaufsständen, die an jeder Ecke auf Kundschaft warten. Räucherfisch ist die Spezialität der Nehrung. Gegessen wird er nicht nur von der Hand in den Mund, auch Restaurants bieten fangfrischen Fisch in den verschiedensten Variationen an.
"Alles ist Sand und Himmel",
sagte Thomas Mann, als er 1929 zum ersten Mal auf die Kurische Nehrung kam. Er beschloss sogleich, sich In Nida (Nidden) ein Sommerhaus bauen zu lassen. Riedgedeckt, in den traditionellen Farben Blau, Weiß und Braun, schaut es zwischen den Kiefern hervor. In seinem Studierzimmer schrieb er "Joseph und seine Brüder", jeden Tag eine Seite. Er genoss den Blick über die Bäume auf das in der Sonne glitzernde Haff. "Mein Italienblick", nannte er die Aussicht, fühlte sich "wie auf einem Schiff auf hoher See". Leider blieben der Familie Mann nur drei Sommer, bis sie Deutschland für immer verließ. Aber noch heute kann der gleiche Ausblick genossen werden. Das Sommerhaus, originalgetreu renoviert, ist Museum und Kulturzentrum.
Die Große Düne
Es sind gewaltige Sandmassen, die sich auf der Kurischen Nehrung zu hohen Dünen auftürmen. Und der höchste Sandberg, die "Große Düne", liegt gleich bei Nida. Einst türmte sie sich 60 m hoch, aber Jahr für Jahr verliert sie an Höhe. Es fehlt der Nachschub an Sand, weil die Nehrung wieder aufgeforstet wird. Dichter Wald bedeckte einst die Nehrung, wurde aber abgeholzt. Die Wanderung der Dünen begann. Unaufhaltsam, fast schleichend, begruben sie Gehöfte und Dörfer unter sich. Die Bewohner mussten ihre Häuser verlassen, an anderer Stelle neu anfangen, um wieder von den Dünen eingeholt zu werden. Erst die Wiederaufforstung stoppte die Wanderung.
Es ist eine faszinierende Landschaft, die zum Erkunden einlädt. Hinter dem schützenden Kiefernwald, beginnt das Gebirge aus Sand. Still ist es hier in den hohen Dünen. Mal kreischt eine Möwe, sonst ist nur der Wind zu hören. Er zerzaust die Hecken, drückt den Strandhafer zu Boden. Ständig werden neue Wellenmuster in den Sand gezeichnet, mal scharf geriffelt, mal sanft gerundet. Fußspuren sind schon nach kurzer Zeit wieder zugeweht. Es ist ein anstrengendes Auf und Ab, bis der Ostseestrand erreicht ist. Endlos und fast menschenleer zieht er sich kilometerweit dahin. Einige Einheimische haben den Blick stur auf den Spülsaum gerichtet. Sie hoffen, ein Stück Bernstein zu finden. Noch immer spült die Ostsee kleine und größere Stücke an den Strand, Stücke des sagenhaften Bernsteinpalastes. Tief im Wasser der Ostsee lebte die Tochter des Meeresgottes in diesem Palast. Voller Wut zertrümmerte der Vater den Bernsteinpalast, als er erfuhr, dass seine Tochter einen Fischer geheiratet hatte. Die Stücke werden heute, als Schmuck verarbeitet, überall angeboten.
100 Jahre Sommerfrische
Auch Juodkrante (Schwarzdorf) blickt auf eine lange Tradition als Sommerfrische zurück. In gepflegten Gärten stehen noch die alten Villen, verbreiten die Atmosphäre der früheren Jahre. Einige sind private Feriendomizile, viele sind Hotels und Pensionen. Auf überdachten Holzterrassen oder in verglasten Wintergärten wird geplaudert, Kaffee getrunken. Die meisten Villen sind frisch renoviert, aber an einigen hat der Zahn der Zeit kräftig genagt. Farbe blättert ab, Terrassen sind morsch und Holzschnitzereien abgebrochen. Der Regen tropft durchs Dach. Alt und Neu nebeneinander prägen das Ortsbild.
Von Hexen und Teufeln
Der Hexenberg in Juodkrante ist einen Besuch wert. Künstler haben an einem Rundweg Figuren aus der litauischen Sagen- und Märchenwelt aufgestellt. In der Abenddämmerung ist der Hexenberg ein gespenstischer Ort. Mädchenfiguren, die tagsüber niedlich aussehen, wirken am Abend furchteinflößend. Männer mit riesigen, zahnlosen Mündern grinsen den Spaziergänger an, verfolgen ihn mit Blicken aus ihren Glotzaugen. Und hat da nicht soeben der Drache seine Flügel ausgebreitet? Auf einer Lichtung der Teufel persönlich, hämisch grinsend. Ängstliche Gemüter sind froh, wenn der Rundgang beendet ist. Erst nach Einkehr in einer Kneipe, unter vielen anderen Menschen, war ja alles nicht so schlimm.
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