08.07.2004

Azoren - Vorposten Europas

Azorenhoch und dicker Nebel

Vulkan Pico auf den Azoren

 

Der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben. Das vielgepriesene Azorenhoch macht gerade eine Pause. In den Pfützen spiegeln sich die Häuser von Ponta Delgada. Sie alle sind in der typischen Architektur erbaut: weisse Fassaden, unterbrochen von Türen und Fenstern, eingerahmt von schwarzen Lavasteinen. Die schmiedeeisernen Balkone, sonst Verbindung von innen nach aussen, wirken hier eher abweisend. Der Regen gibt nur ein kurzes Gastspiel. Schnell sind die Strassencafés zwischen den Stadttoren gefüllt, wird die Sonne bei einem Glas Wein genossen.

 

Lange vom Mutterland vergessen, hält die Neuzeit auf den Azoren Einzug. Waren früher die Bänke nur von älteren Männern besetzt, flanieren jetzt junge Leute über die Plätze. Erzählte man sich Geschichten aus früheren Zeiten, wird jetzt überall die täglich erscheinende Zeitung gelesen. Waren die Azoren früher ein Sprungbrett der Auswanderer nach Amerika, bleibt man heute auf den Inseln.

 

Statt Regen, wallt dicker Nebel über die Wiesen und Weiden. Hinter einer Kurve, eine Vollbremsung. Im Nebel kaum auszumachen, trottet eine Schafherde über die Strasse. Der Schäfer im weiten Regenmantel hebt seinen Hirtenstab, wird vom Dunst verschluckt. Auf der Fahrt zum Kratersee Caldera Sete Cidades ist plötzlich wieder Sommer. Im strahlenden Sonnenschein liegen die beiden Seen, der eine blau, der andere grün, tief unten im Krater. Es wundert nicht, dass sich um diese beiden Seen die Legenden ranken. Wären da nicht links und rechts der Strasse die Hortensienhecken, der Eindruck auf dem Weg zur Hölle könnte nicht treffender sein. Die Nase findet von allein das Tal von Furnas.

 

Stadt auf den Azoren
Aus Erdspalten dringt penetrant stinkender Schwefeldampf. Der "Duft" nach faulen Eiern erfüllt das Tal. Überall brodelt und zischt es. Aus kleinen Teichen spritz kochendes Wasser in die Höhe, Schlamm schlägt blubbernd Blasen. Mineralien haben die Erde buntgefärbt. Hier wird es ganz deutlich, die Azoren sind Kinder der Vulkane. Die nahe Erdglut lässt aber auch die Vegetation üppig spriessen.


Dank dieser Wärme und des Golfstroms wuchern Rhododendren, Bambus, Palmen und Farne. Das Wasser der Mineralquellen wird im Kurhaus gegen die verschiedensten Krankheiten und Zipperlein genutzt. In Flaschen abgefüllt, wird es sogar bis ins Mutterland geschickt. Rund um Furnas sprudeln die verschiedensten Quellen, jede anders im Geschmack, jede hilfreich bei einem anderen Leiden. Um gegen alles gewappnet zu sein, macht man es am besten wie die Einheimischen - ein Schluck aus jeder Quelle.

 

Kleine Dörfer liegen verstreut in der Landschaft. Die Felder sind von kleinen Mauern begrenzt, Steine, die bei der Feldarbeit aufgesammelt wurden. Obwohl fruchtbar, lässt der Boden sich nur mit Mühe bearbeiten. Hinter den Mauern ducken sich Weinreben, geschützt gegen Salzluft und Wind. Verwundert der Blick auf eine Teeplantage. Der Golfstrom macht auch den Teeanbau möglich. Aber von den einst vielen, arbeitet heute nur noch eine einzige Teefabrik.

 

Wie unberechenbar die Vulkane sind, erfährt man hautnah auf Faial. Eine Mondlandschaft zeugt vom grossen Ausbruch im Jahre 1957. Monatelang wütete der Vulkan Capelinhos, spei Glut und Asche. Während die Menschen in Panik flohen, wurden ihre Dörfer unter der Asche begraben. Noch heute sieht man im weitem Umkreis die zerstörten Häuser. In Horta, der Inselhauptstadt, ist von alldem nichts zu spüren. Der Hafen ist Treffpunkt der Atlantiksegler auf dem Weg aus oder in die Karibik. Boote werden repariert, klar gemacht, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Ein Muss für jeden Segler, eine Stippvisite im Sport-Café. Es ist nicht nur Kneipe, sondern Treffpunkt, Nachrichtenbörse und Poststation. Bevor der Törn fortgesetzt wird, noch ein Gemälde als Visitenkarte an der Mole hinterlassen. Mittlerweile gleichen die Mauern mehr einer Bildergalerie.

 

Vulkanlandschft auf den Azoren

"Unsere Familie lebte schon immer vom Walfang. Ich konnte als Kind kaum laufen, sass aber schon im Ausguck und meldete es weiter, sobald ich einen Wal sah", berichtet der alte Fischer im Hafen von Pico. Es waren wagemutige Männer, die nur mit einer Harpune bewaffnet in kleinen Booten, die eher Nussschalen waren, den riesigen Meeressäugern nachstellten. War die Jagd erfolgreich, stank es tagelang nach Tran. Die Walfabriken sind heute verwaist, die Kessel zum Trankochen verrostet. Seit 1986 ist der Walfang verboten. Heute wird den Riesen friedlich nachgestellt.

 

Die neue Einnahmequelle heisst Whale-Watching. Ist der Wind nicht zu stark und die See nicht zu rau, fahren die Boote mit den neuzeitlichen Waljägern hinaus, diesmal bewaffnet mit Fernglas und Kamera. 24 Walarten leben in den Gewässern, und es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn keine Atemfontäne und Fluke zu sehen ist. Es sind unvergessliche Augenblicke. Verständnisloses Kopfschütteln bei der Vorstellung, dass diese friedlichen Tiere heute immer noch gejagt werden.

 

Alle Inseln bei einer Reise zu besuchen, fällt schwer. Einmal können die Schiffe wegen Seegang nicht auslaufen, dann wieder startet das Flugzeug nicht wegen Neben. Die Natur bestimmt hier eben den Rhythmus. Aber ein Wiederkommen wird nicht vergessen, heisst es doch im Wetterbericht: "Ein Azorenhoch bestimmt das Wetter in Deutschland."

 

Letzte Änderung: 08.07.2004
Medien (diese Seite): doje
Autor: doje

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