In der Provence-Alpes-Côte d'Azur
Eine Wanderung auf den Spuren verschwundener Dörfer
Jean Luc und seinen Förster-Kollegen ist es zu verdanken, dass wir uns heute auf eine "Wanderung auf den Spuren verschwundener Dörfer" machen können und dabei fern ab der Zivilisation eine Bergwelt entdecken, die so unberührt ist als sei die Zeit stehen geblieben - damals im 13. Jahrhundert als die ersten Siedler sich auf den Weg in die Berge machten.
Bis ins 19. Jahrhundert lebten in Agnielles 250 Menschen, darunter auch Philipps Schwiegermutter, deren Grabstein auf dem Friedhof nahe der völlig zerfallenen Kirche noch heute zu finden ist. An den ehemals robusten Steinhäusern hat der Zahn der Zeit gewaltig genagt und eine bizarre Ruinenlandschaft mit einem ganz eigenen morbiden Charme hinterlassen. Riesige überwachsene Steinhügel thronen an den einstmals fruchtbaren Hängen des Dorfes. Im Mittelpunkt: die Überreste der Dorfkirche, umgeben von einer schulterhohen, massiven Friedhofsmauer, die so unbeschadet dasteht als könne sie den hier Ruhenden immerwährenden Schutz bieten.
Die Geschichten der "verschwundenen Dörfer" lesen sich gleich. Ob sie in Recours, Rabioux oder Chaudun geschrieben wurden, ihre Wurzeln liegen im frühen Mittelalter. Im Laufe der Jahrhunderte wechselten zwar die Bewohner, es blieb jedoch bei vereinzelten Ansiedlungen. Erst im Zuge der Religionskriege des 16. Jahrhunderts flüchtete eine große Anzahl Menschen in die Berge. Sie gründeten Dörfer, betrieben Ackerbau und hielten Vieh - vorwiegend Schafe. Für ihre Äcker rodeten sie die Wälder und für ihre Ernährung pflanzten sie Getreide. Immer mehr, immer das Gleiche. Monokultur und große Schafherden führten zunehmend zur Erosion des Bodens, der starken Regenfällen nichts mehr entgegen zu setzten hatte. In der Folge suchten verheerende Überschwemmungen die stetig wachsenden, bald überbevölkerten Dörfer heim. Gegen Ende des 19. Jahrhundert gab sich die Mehrzahl der Bevölkerung im Kampf gegen die Natur geschlagen und verließ ein Dorf nach dem anderen. Die Menschen nahmen mit, was sie tragen konnten. In Chaudun sollen es ganze Dachkonstruktionen aus kostbarem Holz gewesen sein.
Ein Jahrhundert lang interessierte sich niemand für die verlassenen Dörfer am Fuße des Aurouze Massivs. Die robusten Steinhäuser zerfielen, die Geschichte verblasste. Einzig die Wiederaufforstung der geschundenen Berghänge nahm das Forstamt bereits um die Jahrhundertwende in Angriff. Vor acht Jahren hatten Jean Luc und seine Kollegen den Verfall der Dörfer lange genug mit angesehen. Sie nahmen sich vor, in jedem Dorf ein Haus im traditionellen Stil zu renovieren und es als Wanderherberge herzurichten. Die Idee war, das kulturelle Erbe zu bewahren und gleichzeitig einen sanften Tourismus vom Ursprung her zu fördern.
Heute genießen rund 500 "Retrouvance-Wanderer" jährlich das Exklusivrecht zur Übernachtung in den einfachen aber sehr gemütlichen Forsthäusern. Auf den nötigsten Luxus muss auch in der Abgeschiedenheit zwischen den Seealpen und der Provence niemand verzichten: Eine warme Dusche nach der Wanderung ist mittels Wasserturbinen und Solarzellen sicher. Wer auf den "Spuren verschwundener Dörfer" wandert, bekommt übrigens alles "hinterher geschleppt". Nicht nur das Gepäck wird von Unterkunft zu Unterkunft transportiert, selbst die Mahlzeiten werden quasi "Frei Haus" geliefert. Haben Sie jemals hausgemachten Nougat-Frischkäse gegessen?
Ein Erlebnis! Die Zubereitung der schmackhaften Speisen aus regionalen Erzeugnissen obliegt Herbergen und Bauernhöfe aus nahe gelegenen Dörfern. Ein Gruppenbegleiter holt sie dort ab. So gestärkt lassen sich am nächsten Tag auch größere Anstiege bewältigen. Die natürliche Vielfalt der Landschaft bietet unterschiedliche Reize für jeden Wandertyp: Die Lichtungen geheimnisvoller Tannenwälder sind in das satte blau unzähliger Enzianteppiche getaucht. Über einsame Hochweiden geht es zum Fuße tiefer Schluchten, durch die sich gurgelnd kühle Gebirgsbäche schlängeln. Eines der größten Geröllfelder Europas liegt im gleißenden Sonnenlicht und macht den Abstieg bisweilen zur Rutschpartie. An zwei Vormittagen begleitet ein Förster die Wanderung. Wer bis dahin noch kein Mufflon und keine der 103 beheimateten Vogelarten gesehen hat, dessen die Chancen steigen jetzt erheblich, denn die Förster von "La Retrouvance" kennen das Gebiet und seine Bewohner wie ihre Westentasche.
Infos:
"La Retrouvance" geht über sechs Tage/fünf Nächte für Gruppen von sechs bis 12 Personen.
Zeitraum: April bis Oktober.
info [at] urlaubundnatur,
www.ulraubundnatur.de.
Französisches Fremdenverkehrsamt (Maison de la France):
Postfach 100128, D-60001 Frankfurt/Main, Tel: 0190 - 57 00 25, Fax: 0190 - 59 90 61 (0,62 Euro/Min),
info.de [at] franceguide.com, Internet:
www.franceguide.com