03.02.2003

Himalaya: Zu Fuß nach Tibet

Unmenschliche Strapazen, Einsamkeit und Kälte

Unmenschliche Strapazen, Einsamkeit und Kälte - das alles hat Fotograf Hans-Werner Nees bei seiner Solo-Expedition auf dem Dach der Welt erlebt. Grenzerfahrungen, extreme Situationen. Der Lohn: Ein unvergessliches Abenteuer.

 

Himalaya Tibet Nepal

 

Im staubigen Bergdorf Jiri endet die Straße. Nach 17 Stunden Tortur in einem völlig überfüllten Bus aus Nepals Hauptstadt ist der Fotograf und Globetrotter Hans-Werner Nees am Ausgangspunkt angekommen. Ab jetzt geht es nur noch zu Fuß weiter. Am nächsten Morgen geht's los: Proviant, winterfeste Kleidung und die zwölf Kilo schwere Fotoausrüstung werden auf den Rücken gepackt. Der Fußmarsch durch den Himalaya kann beginnen. Ziel: Tibet.

 

Zwischen Jiri und der Heimat des Dalai Lama gibt es kaum markierte Wege. Beim Aufstieg lösen endlose Geröllfelder die üppigen Wälder ab. Hier gibt es keinen Schutz mehr vor dem scharfen Wind. Die Temperaturen sinken bis auf 40 Grad unter Null. Entlang der Pfade bitten unzählige Gebetsfahnen und die so genannten Mani-Steine um den Segen Buddhas. Wer einen solchen mit religiösen Zeichen beschrifteten Stein berührt, wird ins Paradies gelangen.

 

Himalaya Fotograf Ness
Am Morgen des dritten Tages kommt er endlich in Sicht - der Mount Everest, mit 8.846 Metern höchster Berg der Erde. Im Sonnenlicht streckt er sich majestätisch dem erwachenden Tag entgegen. Zwei Tage später hat der Weltenbummler das Bergdorf Lukla erreicht. Hier liegt der höchstgelegene Flugplatz des Himalaya. Die Landung ist gefährlich, wie die Wracks entlang der Piste zeigen. Der Weg führt weiter über Namche Basar und Teng Bosche auf den 5.000 Meter hohen Pumori. Von diesem Berg aus gibt es den faszinierendsten Ausblick auf den Mount Everest. An diesem Punkt verlässt Nees den gekennzeichneten Pfad, um auf Schleichwegen nach Tibet zu gelangen.

Der erste Teil der Strecke macht noch keine Probleme. Doch dann wird klar: Der Pass ist völlig vereist. In mehr als 5.000 Metern Höhe wird die Luft dünn. Der Aufstieg kostet viel Kraft, auf spiegelglatten Flächen wird alles zur mörderischen Anstrengung: Jeder Atemzug schmerzt, die Last auf dem Rücken wird mit jedem Meter schwerer. Quälend langsam geht es voran. Auf allen Vieren schafft er es bis zum Scheitel – und ist geblendet vom Panorama. Von diesem Punkt fernab aller Routen kann er alle Achttausender Nepals sehen. Unglaublich. Kindliche Freude, zumindest für einen kurzen Moment.

Der Aufstieg hat zuviel Zeit gekostet. Die fehlt jetzt, um noch vor Sonnenuntergang die nächste Senke zu erreichen. Minimalziel: Ein Geröllfeld. Auf halber Strecke bricht die Nacht herein. Vorsichtig tastet sich Nees voran. In der Dunkelheit sind die tückischen Risse und Spalten im Eis kaum mehr zu erkennen. Immer wieder versagen die Kräfte. Auf Rücken und Bauch rutscht und fällt er den Hang hinunter, rettet sich schließlich auf das steinige Plateau. Hinter einem Fels findet er Schutz vor dem eisigen Wind. An Schlaf ist kaum zu denken. Jeder Knochen schmerzt. Der Durst wird unerträglich.

In der Dämmerung des neuen Tages schmilzt er einen Eisbrocken über dem Spiritusbrenner. Ein halber Tagesmarsch ist es noch bis zum Gokyo Lake - ein See, an dem die nächste Hütte stehen soll. Er wirft sich den Rucksack auf den zerscheuerten Rücken und stolpert vorwärts. Zehn Stunden später: Türkisblaues Wasser am Fuß der Anhöhe und - eine Baracke. Qualm dringt durch die Ritzen des schornsteinlosen Daches. Endlich wieder Menschen.

 

Nach zwei vergleichsweise erholsamen Nächten beginnt die letzte Etappe. Die Grenze zu Tibet ist nicht mehr weit, aber sie wird von der chinesischen Besatzungsmacht streng kontrolliert. Über einen vergessenen Handelspfad gelangt der Abenteurer unerkannt auf die tibetanische Hochebene und trifft schon bald auf ein Kloster. Weiter dringt Nees nicht nach Tibet ein. Die Chinesen haben bereits von dem Fremden gehört. Auf der Ladefläche eines Lasters versteckt, geht es in letzter Sekunde zurück zur Grenze nach Nepal.

 

Letzte Änderung: 03.02.2003
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Autor: hirs

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